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Inhalte diskutieren: Die Auswirkungen von Entwicklungen in Medienpolitik und -ökonomie müssen thematisiert werden.
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Gedankenspiel oder einfach: Yippieh

Nach Killerspielen die Heerscharen von Amokläufer produzieren, Cybermobbern, die andere in den Selbstmord treiben und Sextingorgien, die ganze Grundschulen splitternackt in die cloud schießen setzt nun younow das Besorgnishighlight. Endlich haben alle Jugendschützer, Alarmschlager, Berufsskeptiker .... ein neues Thema (oder war da nicht was mit Chatroulette?). Um nicht falsch verstanden zu werden - natürlich gibt es Risiken, die angesprochen werden müssen. Natürlich gehören Kinder nicht in den Fokus von surfenden Schürzchenjägern. Ich habe im Selbstversuch (2 Wochen Krankenschein nach OP) younow rauf und runter geschaut und stelle (natürlich nur subjektiv, vollkommen unwissenschaftlich, außerhalb jedweder Gremienbesorgnis, ein ganz klein wenig polemisch) fest:

* Viele Broadcaster (welch gnadenlos „großkotzige“ Bezeichnung) kennen die Spielregeln ganz genau. Während Jungs eher cool und lässig (was soll eigentlich irgendeinen Zuschauer dazu bewegen länger als 2 Minuten zuzusehen, wie der Broadcaster auf der X-box zockt) vor der webcam hocken oder zu challenges aufrufen (noch 15 likes, dass spring ich gegen die Tür) , schnacken Mädels (Altersklasse 14+, gern auch im Team) "Dünnschiss", malen die Finger- und Fußnägel an, starren ins Nirwana (Leute: Wer gibt endlich den ersten workshop, in dem der Webcamflirt gelehrt wird) oder liefern Modenschauen ab, die Guido Kretschmer sofort verbieten würde. Weibliche Broadcastprofis putzen dann auch schon mal im knappen Spaghetti-top das Bücherregal im Hintergrund, sich reckend und für nackte Bäuche sorgend - wohl um die Bedürfnisse der Kundschaft auf der anderen Seite des Netzes wissend.

* Gern gesehen sind auch die Broadcaster, die gebannt auf das Chatfenster starren und mit dem Lesen nicht nachkommen („…äh Alter, das war jetzt aber…sch… ich sag mal…) .

* Im Chatfenster tummeln sich in der Tat reichlich "Spanner", die sich Kopfstände, BH-Blinker und ähnliches "wünschen". Vielleicht Zufall, aber sexuelle Forderungen habe ich nur von Jungs (Männer sind doch Schweine) in Richtung Mädels vor der Kamera erlebt..


* Zu den Spannern gesellt sich aber eine (gefühlt) größere Heerschar von Warnern - heißt: Etwaige Anmachen wurden sofort durch andere "Zuschauer" zurecht gewiesen, es gab Tipps für die Brodcasterin, wie sie damit umzugehen habe, bis hin zur Aufforderung, den stream zu beenden. In vielen Medienkontexten wünschen sich "Medienpädagogen" just so eine wachsame Communitiy auf Augenhöhe, ganze Peer-Projekte mit öffentlicher Unterstützung und zahlreichen konzeptionierenden Arbeitskreisen und Gremiengruppen (natürlich gesellschaftlich relevant und unter Ausschluss der Jugendlichen) werden dafür vorgehalten.


* Das Gros der younow-Kommunikation ist so spannend wie die Apothekenrundschau.


* Glaubt man der Liste der jeweils aktiven Broadcaster ist younow auch meilenweit von einem Massenphänomen entfernt. Just jetzt um 9.15 Uhr sind sage und schreibe 32 deutsche Broadcaster live dabei, gestern abend gegen 23 Uhr stellten sich 18 german-girls , die möglicherweise von 152 besorgten Medienpädagogen beobachtet werden (Sarkasmus Ende) der Community. Von Hand ausgezählt sahen ihnen dabei 287 User zu (incl. besorgter …. s.o.) . Die Nutzung scheint allen Warnungen zum Trotz eher dürftig, da die Kids durchaus durchschaut haben, dass es eben oftmals belangloses Zeug ist. Natürlich gibt es Stoßzeiten, die aber die Qualität der Beiträge nicht unbedingt verbessern.

* Niemand wird die Aneignung technischer Möglichkeiten, wie den webchat, wirklich regeln können. Machen wir uns nichts vor, das ist auch gar nicht gewollt, da die erwachsene Community all das, was sie als Gefahr für den Nachwuchs definiert selbst lustvoll nutzt. Oder wie ist "being.jenniferlawrence" sonst zu verstehen?


* Ich habe das Thema auf 2 Elternabenden in der letzten Woche angesprochen. 50% kannten das (gefährliche) Phänomen aus der Berichterstattung. Einen freien und unkontrollierten Internetzugang hatten in der 5. Klasse gut die Hälfte, in der 7. Klasse nahezu alle. Meine Frage, wer denn schon mal unverhofft (zur Kontrolle) ins Kinderzimmer geht wurde mit Ausführungen zum besonderen häuslichen Vertrauensverhältnis mit Empörung zurückgewiesen. Nun denn - sollen sich doch die bezahlten Jugendschützer Abwehrstrategien einfallen lassen.


* Natürlich muss younow mit den Kids besprochen werden, aber nicht auf dem Ticket GEFAHR (da schalten sie ab), sondern im Kontext einer sich immer weiter verändernden Kommunikation. Und : hier müssen wir Erwachsenen konstatieren, dass sich etwas gewaltig ändert, dass uns möglicherweise nicht passt, uns Sorgen macht, aber nicht umkehrbar ist. By the way : Wer hat das I-Phone erfunden und wer sitzt vor dem apple-store mit Schlafsack, um das neueste Modell zu bekommen und dies dann jubilierend in die TV-Kamera zu halten?

Ich bin gespannt, wie die nächste digitale Sau heißen wird, die durchs Dorf getrieben wird und freue mich auch über Reaktionen.

Gerd Manzke

Ein Interview mit dem Oberbroadcaster (neudeutsch für „Programmdirektor“) Adi Sideman“ führte Spiegel online http://www.spiegel.de/netzwelt/web/younow-interview-mit-chef-adi-sideman-a-1021770.html#

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